Wie bereits seit längerem bekannt, wollen Politiker und Fischereiorganisationen eine künstliche Zufuhr von Phosphat in Schweizer Seen forcieren. Der Brienzersee soll als Versuchsobjekt dienen. Die Entwicklung in dieser betrüblichen "Geschichte" nimmt nun rasante Züge. Mit in meinen Augen schlechten Angstmacher-Argumenten (kursiv zitiert) wird von Politikern nun die oberste Instanz, der Bundesrat, zum Handeln aufgefordert:
Phosphatmanagement Brienzersee
Der Bundesrat wird beauftragt, einen teilweisen oder vollständigen Verzicht der
Phosphatfällung in den Abwasserreinigungsanlagen am Brienzersee im Sinne eines
Pilotversuches zu ermöglichen.
Begründung:
Eine im Auftrag des Kantons Bern durchgeführte Zustandsanalyse hat aufgezeigt, dass heu-
te kaum noch Nährstoffe in den Brienzersee gelangen, dass der wichtigste Algennährstoff
Phosphor in den letzten Jahren stark abgenommen hat und dass dadurch die Wasserflöhe
(Daphnien) fast vollständig verschwunden sind.
Das war schön früher nicht anders! Aufgrund seiner Lage in den Bergen, seiner Wasserspeisung etc. muss man den Brienzersee ganz klar unterscheiden zwischen den natürlicherweise nährstoffreicheren Mittellandseen. Erst durch die kurzzeitigen menschlichen Phosphateinträge wurde der See einst unnatürlich stark mit Nährstoffen belastet. Nun hat man durch die ARAs eine Renaturierung erreicht, die der ursprünglichen für den Brienzersee vorgesehene Wasserqualität wieder näher kommt, was grundsätzlich für die natürliche Entwicklung zu begrüssen ist.
Das Fehlen dieser für die Felchen existentiellen Futterorganismen hat insbesondere bei der
Felchenart „Brienzlig“ zu einem verlangsamten Wachstum geführt. Während vierjährige Fi-
sche früher eine Länge von rund 26 cm aufwiesen, erreichen sie jetzt noch ungefähr 18 cm.
Dieses verlangsamte Wachstum kommt den Felchen zu Gute, sie haben sich somit optimal an die Umweltbedingunen angepasst. Felchen sind nicht primär da, um die Menschen mit möglichst grossen und fetten Tieren zu dienen. Dafür gibt es Fischzuchten. Über Jahrtausende haben sich diverse Felchenformen in den Alpenrandseen entwicklet. Es ist natürlich, dass es unterschiedlich grosse Felchenformen gibt, für den Brienzersee sind kleinwüchsige das Normale.
Der Brienzersee weist heute mit 1-2 kg/ha den mit Abstand tiefsten Jahresfangertrag aller
grösseren Schweizerseen auf. In der Folge ist seit 1995 die Zahl der Berufsfischer am Brien-
zersee von 5 auf 2 gesunken, wobei auch diese nicht mehr von der Fischerei leben können.
Klar, wenn nur noch ein BF regelmässig seine Netze legt, sinken die Erträge. Der Hektarertrag ist deshalb nichts aussagend. Viel relevanter wären die Erträge pro Berufsfischer, hier würde dies ganz bestimmt wieder anders ausschauen. Ausserdem kann es durchaus sein, dass nicht jeder grössere See von Berufsfischern bewirtschaftet werden muss, sofern es die natürlichen Bedingungen nicht zulassen. Das Ökosystem See gehört nicht dem Menschen!
Hinzu kommt, dass im Brienzersee seit 2008 vermehrt Felchen ohne Geschlechtsorgane
auftreten. In den Sommermonaten 2009 und 2010 waren über die Hälfte der Brienzlig steril.
Inwieweit die Sterilität dieser Fische in einem Zusammenhang mit der zeitgleich aufgetrete-
nen Futterknappheit steht, ist unklar.
Da hier noch nichts erweisen ist, kann das gar nicht als Argument für eine künstliche Phosphatzufuhr verwendet werden. Sterilität von einzelnen Individuen kann auch eine gewollte Anpassung einer Art sein und kann m.E. nicht per se als "schlecht" betitelt werden.
Gefährdet sind somit am Brienzersee sowohl die Berufsfischerei als auch die Biodiversität.
Biodiversität ist natürlich ein Schlagwort geworden... und genau diese wird durch einen künstlichen, nicht voraussehbaren Phosphateintrag gefährdet!! Nur weil eine einzige Art nicht mehr so grosswüchsig ist, wie von einigen Menschen erwünscht, verändert sich die Biodiversität nicht. Andere Arten sind in den letzten Jahren im Brienzersee richtiggehend am aufblühen. Die Situation wird durch Medien völlig falsch dargestellt, der See ist nicht fischleer und es geht ihm gut.
Der Fisch ist eines der ältesten und beliebtesten Nahrungsmittel des Menschen. Fische sind
gesund, weil sie Fettsäuren enthalten, welche die Entstehung von Herzkreislauferkrankun-
gen vermindern. Auch aus diesem Grund ist eine langfristige Erhaltung der schweizerischen
Berufsfischerei angezeigt.
Das stimmt, aber nicht nur Felchenfilets enthalten gesunde Fette. Es gibt vielerlei Alternativen, man müsste diese halt der Bevölkerung auch mal schmackhaft machen.
Die Brienzersee-Fischerei hat zudem eine nicht zu unterschätzende touristische und kulina-
rische Bedeutung.
Ja, und wenn dem Volk immer wieder und dies völlig zu Unrecht erklärt wird, es habe bald keine Fische mehr im See, ist dies sicherlich nicht förderlich für den Tourismus!
Persönlich glaube ich, dass dieses "Experimentieren" in funktionierenden Ökosystemen kommen wird. Ich bin da aber vehement dagegen, die Pro-Argumente sind teilweise völlig haltlos und haben mit der Realität nur wenig am Hut. Auch wenn ich nicht damit rechne, dass meine Meinung irgendetwas am Entschluss ändern wird, werde ich dem Bundesrat auch ein Schreiben zukommen lassen. (

