Regelmässig alle zwei Jahre zieht es mich „an den Lachs“ und dieses Jahr war es wieder soweit. Am 5 Juli 2008 ging’s für uns 5 Fischer von Zürich via Frankfurt nach Anchorage und von dort weg mit der Air Alaska via Cordoba nach Yakutat. Nach einer Reisedauer von guten 23 Stunden (rund 13 Std. reine Flugzeit) sind wir – abgesehen von einem ungeplanten Aufenthalt in Cordoba - gut und auch einigermassen pünktlich in Yakutat angekommen.
Ungeplanter Aufenthalt? Das Flugzeug hat im Landeanflug auf Cordoba einen Vogelschwarm gekreuzt und musste zuerst gründlich gecheckt werden, bevor es weiter fliegen durfte. Dass in Alaska ab und zu Vögel im Wege sind, sei nichts aussergewöhnliches, wurde uns von der netten Flugbegleiterin berichtet – „No problems, there were only some Alaska-Moskitoes...“
Innerlich nicht wirklich ruhig haben wir dann den Start in Cordoba und auch die letzte Etappe nach Yakutat hinter uns gebracht. Dort wurden wir von Ron, dem Betreiber der Yakutat Bay Lodge
http://www.yakutatbaylodge.com
und Tracy, der Autovermieterin begrüsst. Auto entgegen nehmen, Einkaufen und der Bezug der Lodge war nun angesagt. Übrigens - eine Kontrolle oder das Ausfüllen eines Schadenprotokolls wie bei der Entgegennahme eines Campers ist hier in Yakutat völlig überflüssig:
Auch die Fischereilizenz musste noch gekauft werden. Aber keine Panik, die gibt’s direkt in der Lodge und nach einer solchen Reise sehnt man sich in erster Linie nach Schlaf und nicht unbedingt nach Angeln.
Angeln ist für den nächsten Tag angesagt. Da wir im untersten Teil des Situk Rivers angeln wollen - also kurz vor der Einmündung ins Meer – ist noch die Gezeitentabelle zu konsultieren
http://www.freetidetables.com/sid/1816a403
und bestimmt, dass wir sehr früh am Morgen am Wasser stehen wollen.
Gezeitentabelle? Was sagt uns diese? Die Lachse steigen mit der Flut in den Bach auf und verweilen während der Ebbe in den tieferen Stellen des Flusses. Je höher die Flut resp. je grösser die Differenz zwischen Ebbe und Flut ist, desto mehr Fische steigen ein. Die Regel sagt: „Verry high tide moves many fish“. Hoher Gezeitengang bewegt viele Fische und dies ist nicht nur im Mündungsbereich eines Flusses sondern im gesamten Fluss zu spüren. Die Neuankömmlinge treiben (puschen) die bereits Eingestiegenen richtiggehend nach oben...
Schauen wir nun an, wo wir uns befinden und was es dort alles zu finden gibt. Ich führe dies hier absichtlich sehr detailliert aus, damit man sich auch aus der Distanz ein möglichst umfassendes Bild machen kann oder, sollte sich ein Forumleser einmal für diesen Ort entscheiden, er sich auch bereits ein Bild machen kann und sich ein wenig auskennt.
Yakutat ist ein kleines Dorf mit rund 600 Einwohnern und liegt rund 250 Meilen südlich von Anchorage und rund 300 Meilen nördlich von Juneau direkt am Meer. Juneau ist übrigens die Hauptstadt und damit der Regierungssitz des Staates Alaska und nicht etwa die um einiges grössere Stadt Anchorage. Wer aktuell den Wahlkampf in Amerika ein wenig verfolgt, hat ja sicher von der nominierten Vizepräsidentin Sarah Palin, aktuelle Gouverneurin von Alaska gehört (wer kann sich bei der herrschenden Informationsflut heute noch entziehen?). Sie regiert in Juneau.

Von stattlichen Bergen (>6000m) vom Festland abgetrennt ist die Halbinsel des Tongass National Forest und damit Yakutat nur mit dem Flugzeug oder mit dem Boot erreichbar.

In Yakutat selber gibt e seine Reihe von Einkaufsmöglichkeiten und auch unsere Lodge resp. für 2 Wochen belegte Wohnung ist dort. Um dies zu zeigen, habe ich ein wenig mit http://maps.google.com/ gespielt:


Yakutat besitzt einen Flugplatz mit zwei aus dem zweiten Weltkrieg stammenden aber gut unterhaltenen Rollfeldern auf der mittelgrosse Linienflugzeuge problemlos landen können. Da die Hauptversorgung des Dorfes per Flugzeug funktioniert (vor allem Frischwaren) ist Yakutat im Streckennetz der Air Alaska integriert und wird regelmässig 2 Mal pro Tag angeflogen. Nur bei sehr, sehr schlechter Witterung fallen diese Flüge aus. Auch beim Flughafen gibt es noch so einiges Interessantes:

Yakutat hat neben der Fischerei auch noch andere Sehenswürdigkeiten zu bieten. Direkt am Meer gelegen findet sich hier der wohl schönste Sandstrand des Nordens. Dieser erstreckt sich kilometerweit (rund 275 Meilen), im wahrsten Sinne des Wortes „so weit das Auge reicht“ und bietet ein Erlebnis sondergleichen. Schon das „an den Strand fahren“ ist abenteuerlich. Über schmale, nicht asphaltierte und durch dichten Wald führende Wege fährt man dem Stand entgegen. Urplötzlich öffnet sich dieser Wald und man befindet sich von einem Moment auf den anderen am Strand. Dieses Gefühl – von der Enge des Waldes auf den Strand und in die Weite des Pazifiks zu gelangen ist einmalig und muss unbedingt einmal erlebt werden. Dieser Strand wurde beim Tankerunfall der Exxon Valdez stark verschmutzt und noch heute kann man auf Überbleibsel dieser Katastrophe stossen. Es sind immer noch kleine ausgehärtete Ölklumpen im Sand zu finden. Für spezielle Strandläufer sei hier noch vermerkt, dass sich vor allem nach einem Sturm ein Ausflug an den Strand lohnen kann. Ab und zu werden hier Glashohlkugeln angeschwemmt, welche früher vor allem von den Japanern als Schwimmkörper bei der Treibnetzfischerei verwendet wurden (Die Treibnetzfischerei ist eigentlich seit 1991 per UN-Resolution weltweit verboten). Diese Glashohlkugeln gingen während Stürmen verloren und treiben heute bereits seit mehreren Jahren oder auch bereits jahrzehntelang auf See, bevor sie nun irgendwo an Land gespült werden. Rund um diese farbigen Glaskugeln haben sich eine Sammlergemeinschaft und auch ein entsprechender Markt gebildet – der eine oder andere hat solche Kugeln sicher bereits in Souvenirläden oder als Dekorationsgegenstand gesehen. In den Souvenirläden findet man vielfach Kopien – für Originale muss je nach Kugel, deren Alter und auch Farbe bereits ein beachtlicher Betrag locker gemacht werden. Ein Beispiel einer solchen Glashohlkugel siehe hier:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?tit ... 0919150524
Ausser dem Strand befinden sich einige sehr grosse Gletscher in der Nähe von Yakutat. Der Bekannteste von ihnen ist der Hubbard Glassier, ein Süsswassergletscher der bis ins Meer hinaus reicht. Dieser Gletscher ist eine Sehenswürdigkeit und fest im Programm der grossen Touristenschiffe (Cruiser) eingebaut. Der Gletscher ist auch mit dem Kanu erreichbar und es ist unwahrscheinlich imposant, als ganz kleiner Wicht in einer sehr kleinen Schale vor einer rund 100 Meter aus dem Meer ragenden und im Sonnenlicht tiefblau scheinenden Eiswand zu paddeln. Wer das Gefühl von „klein sein“ noch nicht kennt, kann es hier erleben. Übrigens – solche Gletscher neigen bekanntlich zum „kalben“ – also so richtig nahe darf man dann doch nicht an den Gletscher heran aber doch nahe genug, dass zum „klein sein“ Gefühl auch bereits ein bisschen Unbehagen dazu kommt...
Als weiteres Ziel bieten sich der Dangerous River und der Harlequin Lake an. Der Fluss ist mit dem Auto erreichbar, der See muss dann erwandert werden. Auch dieser See steht am Ende eines Gletschers und ist voller Eisberge. Aus dem See fliesst der Dangerous River, der seinen Namen durchaus zu Recht trägt. Die Eisberge im See bewegen sich alle zum Seeausgang hin und schmelzen dort soweit ab, bis sie den Fluss hinunter und bis ins Meer gespült werden. Diese abtreibenden Eisberge haben noch eine stattliche Grösse (1/10el sieht man, 9/10el sind unter Wasser!) und es sind auch nicht Wenige, die da den Fluss runter kommen. Daher auch der Name: „Gefährlicher Fluss“ und ein Befahren oder Angeln vom Boot aus ist für den Normaltouristen nicht zu empfehlen. Der See aber liesse sich mit dem Kayak erkunden..
Noch was zu Fahren in Yakutat. Man fährt Auto und dies eigentlich immer und auch für kurze Strecken. Es würde niemandem einfallen, z.B. an den Fluss oder an den Strand zu laufen. Nicht dass es bereits aufgrund der Distanzen Stundenmärsche wären (Situk River 6.5 oder 9 Meilen; Dangerous River 35 Meilen; 1 Meile = 1.6km), es wäre schlicht und ergreifend auch lebensgefährlich. Es hat jede Menge frei lebende Tiere, die dem Menschen durchaus gefährlich werden können. Ich spreche hier von Wölfen und vor allem von den Bären. Wölfe soll es auf der Halbinsel auch einige geben – selber haben wir sie im 2002 einmal gehört aber auf all meinen Reisen bisher noch nie gesehen. Bären dagegen hört man nicht, die bewegen sich sprichwörtlich auf leisen Sohlen, aber man sieht sie sehr wohl.
Und es hat nicht wenige Bären, davon aber später mehr.
Ist man dann trotzdem einmal zu Fuss unterwegs, gilt es einige Regeln beachten.
Die wichtigste Regel sagt: „Gehe niemals alleine!“ und dies ist auf jeden Fall zu beherzigen – auch beim Ausflug mit dem Kayak. Auch in einer Gruppe ist es nicht schlecht, wenn eine ortskundige Person dabei ist und man beim Verlassen der Lodge kurz eine Meldung hinterlässt, wo man hinzugehen gedenkt und wann man ungefähr zurück sein will. Yakutat die gesamte Halbinsel ist natelfreie Zone, nur VHF-Funkgeräte funktionieren und die tragen wir Touristen in der Regel nicht einfach so mit uns herum. Wieso die Meldung? Die Gegend um Yakutat ist nicht dicht resp. überhaupt nicht besiedelt und je weiter man sich vom Ort weg entfernt, desto kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir jemandem begegnen. Bereits 35 Meilen vom Dorf weg, am Ende der Strasse beim Dangerous River und erst recht am Harlequin Lake kann es durchaus sein, dass man tagelang auf einen zufälligerweise vorbeikommenden Menschen wartet...
Eine andere aber nicht offiziell verbreitete Regel sagt: „Gehe niemals unbewaffnet!“ Mindestens eine Dose Pfefferspray muss mit, um im äussersten Notfall einen Bären auf Distanz halten zu können. Wenn ich von einer dose spreche, so denkt bitte nicht an die bei uns gängigen niedlichen Döschen mit Pfefferspray. Damit lässt sich ein Strolch beeindrucken, ein Bär beeindruckt man aber nicht. Im Vergleich zu unseren Portionen haben die in Alaska üblichen Dosen die Dimension eines kleinen Auto-Feuerlöschers. Auch bei den Feuerwaffen zeigt sich das gleiche Bild. „Gehe nie unterdimensioniert (underpowered)“, sagt die Regel. Wenn es dann wirklich einmal sein sollte, dann muss das Geschoss wirken und nicht nur pieksen. Wann und ob man überhaupt eine Bewaffnung braucht – auch davon etwas später noch mehr.
Gehen wir nun angeln!

Wir angeln am Unterlauf des Situk River auf Rotlachs (Sockeye). Hier einige öffentlich zugängliche Informationen zu Yakutat und der Fischerei im Situk River (ADF&G; Alaska Departement of Fisch & Game; entspricht dem kantonalen Jagd- und Fischereiinspekotrat):
http://www.sf.adfg.state.ak.us/Manageme ... t.overview
Rotlachs (Sockeye):

Habe den untersten Teil des Flusses einmal mit unseren Namen bestückt – einige davon stammen von Erlebnissen vergangener Jahre wie z.B. der Crack-Pool. Hier gingen schon Ruten zu Bruch – im Drill...

Betrachten wir die einzelnen Abschnitte noch ein wenig genauer (von oben nach unten):




Der Fluss ist hier völlig natürlich, irgendwelche Verbauungen sucht man hier vergebens. Auch in den Flusslauf selber wird so wenig wie möglich eingegriffen, das heisst, dass auch Schwemmholz so weit wie möglich belassen wird. Damit präsentiert sich der Fluss so:
und die Fischerei:
Kleine Fische – King an der Fliegenrute:
Ich habe noch was von den Bären versprochen. Dieses Jahr spielte das Wetter verrückt respektive hat kein richtiger Frühling stattgefunden. Bis in den Mai hinein lag noch Schnee in Yakutat und so richtig warm war es dieses Jahr noch nie. Entsprechend im Rückstand war auch die Natur inklusive der Fische. Keine reifen Beeren im Wald und kaum Fische im Fluss, entsprechend genährt respektive mager waren die Bären. Es mag also gar nicht zu verwundern, wenn sich die Bären hauptsächlich dort aufhalten, wo es was zu futtern gibt – und dies war am Fluss. Was in „normalen“ Jahren einmal pro zwei drei Tage geschieht, war dieses Jahr drei bis vier Mal pro Tag! Drei bis vier Mal pro Tag wurden wir vom Bär (Bären) besucht und die Bären kamen auch sehr nahe. In der zweiten Woche war der eine Bär soweit, dass er einigen Fischern die gefangenen Fische geholt hat. Wir standen bis zur Hüfte im Wasser und konnten nur zusehen, dass wir Distanz gewannen. Viel mehr als vier Meter waren es nicht von uns bis zum Bär aber zum Glück war er mit den fischen beschäftigt. Wir hatten unsere Fische auch dabei...
Hier einige Eindrücke der Besuche. Zuerst die Harmlosen:
Etwas näher:
Der „Kleine“ hier hat uns weggejagt – aber so richtig er uns nicht wir ihn. Ein Ami in der Nähe hat nur gemeint: „It’s a small one but too big to fight...“ Recht hat er.
Uups, genau dort standen wir doch vorher noch...
Was? Wir sollen noch weiter weg? Wir sind dann gegangen...
Kurz darauf hat er auch die Kollegen weiter oben verjagt. Seht ihr ihn auf dem Baumstamm?
Und hier kommen die leisen Sohlen ins Spiel. Es kann durchaus sein, dass ein Bär so nahe an euch rankommt, ohne dass er zu hören ist. Der Bach rauscht, der Wind bläst und wer nicht immer ein wenig die Augen offen hat, kann durchaus einmal so überrascht werden. Ihr seit dann überrascht – der Bär hat euch aber schon lange gesehen und noch viel länger gerochen. Warum man nie alleine gehen sollte und wenn alleine dann unbedingt bewaffnet sein muss, wird hier eigentlich deutlich vor Augen geführt. Eine Gruppe von Leuten signalisiert eine gewisse Grösse und Stärke, ein Einzelner hat da schon einiges mehr Mühe, die nötige Grösse und Stärke zu markieren. Dazu auch die Bewaffnung. Damit wird nicht einfach der Bär niedergestreckt, es wird – wenn überhaupt - in die Luft oder weit daneben geschossen. Dies soll dem Bär signalisieren, dass er in mein Territorium eingedrungen ist und ich ihn dort nicht dulde – schlicht gesagt, ihm wird signalisiert, dass er zu nahe gekommen ist. Der Bär macht dasselbe mit Dir auch und solltest du – aus welchem Grund auch immer - ihm einmal zu nahe kommen, wird er angreifen. Seien meist Scheinangriffe. Er wolle nur zeigen, dass man ihm zu nahe gekommen ist. Er drehe dann so ungefähr einen Meter vor dir ab - wurde uns von Einheimischen gesagt. Ausser er habe schlechte Laune...
Hier noch der Grund, wieso uns der Bär vertrieben hat. Vorgänger von uns haben ihre Lachse gleich vor Ort filetiert und die Fischreste zum Teil offen liegen gelassen. Ein Offizialdelikt, lebensgefährlich und dies hat nicht nur den Bären angelockt. Auch ein Weisskopfadler hat sich brennend für die Fischreste interessiert:
Und hier noch ein unangenehmer Besuch. Es war die Bärendame mit den zwei Jungen, die wir von Weitem schon einmal gesehen haben. Die jungen Bären sind ja schon „härzig“ (so richtige Jöööööös...) aber wenn die Mutter dann plötzlich wie aus dem Nichts drei/vier Meter neben dir aus dem Gebüsch kommt und du dies erst mitkriegst, wenn sie bereits im Bach steht, wird es dann ganz plötzlich sehr ungemütlich.
Die Bärin im Wasser – ohne Zoom fotografiert:

Zum Glück hatte sie nur Fische und Fischen im Kopf und nicht Fischer (wenn sie Fischer gewollt hätte, wäre sie ganz bestimmt direkt hinter uns aus dem Gebüsch gekommen). Da hatten wir dann bereits genug Distanz zwischen uns und dem Geschehen gebracht. Den Fluss durchqueren – der ist hier oberhalb der Brücke nur etwa knietief – und dies reicht bereits, um nicht mehr oder fast nicht mehr beachtet zu werden.
Und da kommen auch die Jungen:
Irgendwann gehen alle Ferien zu Ende und am 21. Juli 2008 bestiegen wir das Flugzeug in Yakutat um die nicht weniger lange Heimreise anzutreten. Um einige Erlebnisse und Erfahrungen reicher sind wir wieder bei uns zu Hause angelangt.
