Der Drill meines Lebens

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Flümi
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Der Drill meines Lebens

Beitrag von Flümi » Sa 3. Mai 2014, 00:14

Da trotz Ende der Schonzeit für Hecht noch kaum was gepostet wurde, schreibe ich mal etwas.

Der Hecht war im Kanton Bern offen und es zog mich ans Wasser. Da ich das Bedürfnis nach Bootsfischerei hatte, wählte ich die für mich naheliegendste Variante und mietete ein Ruderboot auf dem Moossee. Der Wind war mein stetiger Begleiter und trieb mich gegen Osten. Zuerst fischte ich die komplette Nordseite ab, ruderte zurück und fischte die Südseite ab. Da ich erst am Nachmittag ein Boot bekommen konnte, waren die Hechte wohl schon alarmiert und paar davon mit Köderfischen "abgeschöpft" worden. Der Moossee ist für mich ein noch ziemlich unbekanntes Gewässer, ich weiss nicht wo die Tiefen und Untiefen sind, die man im Trüben nicht erkennen kann und wie die Vegetation unter der Wasseroberfläche aussieht. So kam es, dass ich nichts fing. Swimbaits, Wobbler und sogar etwas Neues für mich habe ich versucht: Dropshot. Keine eindeutigen Bisse waren zu verzeichnen und keine Nachläufer konnte ich sehen (ja ok, war ja trüb). Langsam wurde es Abend und ich machte mich auf die letzte Fahrt des Tages, das traditionelle Zurückschleppen. Auf der Hechtrute montierte ich einen flachlaufenden Wobbler in Hechtgrösse. An meiner Combo für Seeforellen (hatte keine zweite Hechtcombo) hing ich aus leichter Verzweiflung einen kleinen Wobbler an den Snap, in der Hoffnung, ein grösseres Beutespektrum ansprechen zu können, um überhaupt noch etwas auf die Schuppen legen zu können.

Die Hände waren schon geschwächt vom ewigen Rudern und den Positionskorrekturen wegen dem Wind. Die Anlegestelle für die Ruderboote kam immer näher bei den Blicken über die Schulter, als plötzlich etwas ging. Die leichtere Rute schnellte heftig mehr als einen halben Meter zurück, ich liess die Ruder los und griff nach meiner Rute und schlug an. Nichts war zu spüren. Was es wohl war? Ein Ast? Schilf? Ein Fisch? Spekulationen führen zu nichts und ob es wirklich ein Fisch war, konnte ich an der Rute nicht erkennen. Immerhin waren die Augen in dem Moment, als es passierte, auf sie gerichtet gewesen. Egal. Rute wieder an ihren Platz gestellt und weitergerudert. Innerlich habe ich bereits als Schneider den Tag abgeschlossen, da das Restaurant Seerose nur noch 100m entfernt war. Es verging nur ein kurzer Moment, als eine Rute zurückschnellte und die Rolle glücklicherweise im Rucksack hängenblieb. Was es auch war, zog bereits einige Meter Schnur von der Rolle, bis ich überhaupt reagieren und die Rute in die Hände nehmen konnte. Glücklicherweise stellte ich die Bremse relativ schwach ein, aber stark genug, dass die Haken ihren Job tun konnten. Ungern würde ich eine Combo für 400 Stutz vor Ort lassen und nachhause fahren.

Die Rute bog es bis ins Handteil durch, der Fisch schlug und zog unbeirrt ab. Der kleine Wobbler hing 50m hinter dem Boot, der Fisch zog im ersten Run 30m von der Rolle, tobte wenige Sekunden, zog 10m Schnur, tobte weiter und zog mehrmals weitere 10m von der Rolle. Die Rolle war halb leer und schätzungsweise waren bis zu 120m draussen. Zum Glück bin ich da bisschen paranoid und hatte paar Meter Mono unterfüttert gegen das Durchrutschen im Winter und 300m Geflochtene gekauft und die ganzen bis zu 250m draufgetan, die die Spule fassen konnte. Angst hatte ich aber trotzdem um meine Schnur und meinen Köder, mal vom Fisch abgesehen, den ich ungern mit einem Wobbler hätte davonziehen lassen wollen. Also zog ich die Bremse mehrmals ein paar Klicks an. Was für ein Fisch das wohl sein mag? Ein Rekordhecht? Ein Wels? Ein Karpfen? Als der Fisch nicht mehr weiterzog und die Rute nur noch krumm war, nahm ich mit der linken Hand meine Hechtcombo, klemmte die Rute zwischen die Beine und kurbelte so schnell wie es nur ging, um den Hechtwobbler aus der Gefahrenzone herauszubekommen. Als ich kurz abgelenkt war, weil mein Gegenüber wieder gezogen hat, verpasste ich den richtigen Moment und kurbelte zuviel, der No-Knot-Verbinder vor dem Stahlvorfach knallte voll in den Spitzenring. Aber egal, keine Gedanken an unwichtige Dinge in diesem Moment verschwenden, Rute umgekehrt ins Boot gelegt mit Spitze und Wobbler im Rücken und mit der leichten Combo weitergedrillt.

Der Fisch hat mich mittlerweile 50m mit dem Wind gegen Osten gezogen und ich konnte ihn bis auf 10-15m heranziehen. Oder müsste man nicht eher sagen, dass ich das Boot zum Fisch gezogen habe? Egal. Der Fisch konnte unerkannt abtauchen, änderte seine Richtung, ging unter dem Boot durch und das Spiel ging weiter. Der Fisch zog wieder mehrmals 10m Schnur von der Rolle, die ich mühsam mit Schnur vollgepumpt habe und zog das Boot mit seiner unbändigen Kraft gegen den Wind. Da die Zeit verging und ein weiteres Boot in der Uferzone entlang kam auf den Weg "nachhause" und ich nicht riskieren wollte, dass etwas ineinander geriet, rief ich ihm auf grosse Distanz zu, dass ich einen ganz Grossen dran hatte. Der Fischer fragte mich, ob er helfen könnte. Ich antwortete mit ja, aber dass ich nicht weiss, ob es in dieser Situation etwas bringt. Er kam vorbei und staunte nicht schlecht, in welcher fast hoffnungslosen Situation ich mich befand, wie stark mein Gegenüber war und wie wenig ich ausrichten konnte. Trotzdem war ich froh, hatte ich einen seelischen Beistand, der mir 5-10 lange Minuten beistehen konnte. Langsam merkte ich, dass auch der Fisch nach etwa 15min Drill schwächer wurde und konnte ihn immer näher ans Boot ziehen (oder ich das Boot zu ihm). Mehrmals kam die Schwanzflosse an die Oberfläche und ich konnte erkennen, dass es weder Wels, noch Hecht, noch Zander, sondern ein Silberkarpfen war, der offensichtlich an der Schwanzflosse gehakt wurde. Ein Riesenteil von einem Fisch. Mit grösster Anstrengung und grösster Vorsicht zog ich mein Gegenüber ans Boot, griff mit meiner linken Hand das Stahlvorfach und versuchte eine halbe Minute lang verzweifelt mit der rechten Hand mit der Zange den Wobbler zu greifen, was mir aber nicht gelang, da der Karpfen unaufhörlich mit dem Schwanz in der Luft gewedelt hat. Angst hatte ich diesmal nicht mehr um die Schnur oder meinen Wobbler, sondern um meine Hand. Das dünne Stahlvorfach und vorallem der No-Knot-Verbinder hätte leicht meiner Hand böse Schnittverletzungen zuführen können. Einen Fisch an der Schwanzwurzel packen, wenn ein Wobbler an der Schwanzflosse hängt, kam mir ebenso nicht in den Sinn. Als dann am vorderen Drilling ein Haken aufbog und auch der hintere Drilling abkam, verschwand der Silberkarpfen langsam im trüben Wasser. In diesem Moment fiel mir eine grosse Last von der Schulter, der Krampf war vorbei und da ich schon auf den Knien ganz vorne vom Ruderboot war, war es das Naheliegendste, mich einfach fallenzulassen und gönnte mir paar Sekunden Pause mit dem Oberkörper auf der "Sitzfläche" vom Spitz des Bootes. Mit zittrigen Händen räumte ich paar Dinge auf die Seite und ruderte zur Anlegestelle zurück. Ziemlich erschöpft, musste ich zuerst mal den festen Boden unter den Füssen geniessen und räumte mein Tackle erst paar Minuten später aus dem Boot. Vom aufregenden Drill hat leider kein anderer Fischer auf dem See etwas mitbekommen ausser meinem Drillbeistand vom anderen Boot, auch wenn ich fast während dem ganzen Drill gestanden bin.

Erschöpft, ohne Hecht und trotzdem mit einem einmaligen Erlebnis, dem Drill meines Lebens, ging ich nachhause. Der Moossee sieht mich aber wieder. 2 mal war ich schon dort auf Hecht fischen gegangen, 2 mal ging ich ohne Hecht nachhause. Habe noch eine Rechnung offen mit ihm.
Zuletzt geändert von Flümi am Do 13. Nov 2014, 11:38, insgesamt 1-mal geändert.
Gruss, Stefan
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Re: Der Drill meines Lebens

Beitrag von ChristianK. » Sa 3. Mai 2014, 01:34

:mrgreen:
merci für den aufregenden Bericht!

Solltest Du nicht anstatt auf Hecht auf Karpfen im Moossee fischen? :wink:
Petri Heil
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Re: Der Drill meines Lebens

Beitrag von FAX » Sa 3. Mai 2014, 05:59

Super Erlebnis-super Bericht und fehlerfrei

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Re: Der Drill meines Lebens

Beitrag von Lahnfischer » Sa 3. Mai 2014, 13:56

Geiler Bericht, da fiebert man richtig mit... :up:
Gruß Thomas

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Re: Der Drill meines Lebens

Beitrag von Salmonid » So 4. Mai 2014, 00:50

hehe die Silberkarpfen vom Moossee. Da habe ich schon ganz ähnliche Geschichten gehört.
Am Moossee konnte ich auch noch nie einen Hecht fangen trotz einigen Versuchen.

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Re: Der Drill meines Lebens

Beitrag von Flümi » So 4. Mai 2014, 06:59

Oh, hab ich noch vergessen zu erwähnen, dass ich mir vorgestellt habe, dass das Teil um 1,2m lang und 20-30kg war? Dass die Schwanzflosse fast 30cm hoch war? :mrgreen:
Gruss, Stefan
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Re: Der Drill meines Lebens

Beitrag von Rolandus » So 4. Mai 2014, 11:41

Gibt es überhaupt noch Hechte im Moossee?
Super Geschichte. Danke
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Re: Der Drill meines Lebens

Beitrag von passionfisher » So 4. Mai 2014, 16:20

FAX hat geschrieben: und fehlerfrei
:lol:

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Re: Der Drill meines Lebens

Beitrag von BeJan » So 4. Mai 2014, 21:59

Jaja der Moosse mit seinen berüchtigten Torpedos (Silberkarpfen :lol: )

Konnte noch keinen massigen Hecht fangen, habe aber die Rechnung mit dem Zander noch offen, einen solchen will ich unbedingt einmal
noch fangen in diesem Gewässer :D

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Re: Der Drill meines Lebens

Beitrag von GsusFreaK » So 4. Mai 2014, 22:27

Danke für die packende Story!
Ja die Silberkarpfen sind beindruckend!

War bisher 3 mal am Moossee (jedoch das letzte mal schon etwas her) und konnte einen Hecht beim schleppen fangen und einen am Boot verloren. Hat schon Hechte, aber ich höre selten von anständigen... Meistens so 60-65er...
Aber der kommt schon noch :wink:
Gruss Flo

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Re: Der Drill meines Lebens

Beitrag von Flümi » So 4. Mai 2014, 22:47

merci für die Blumen :)

ganz besonders:
FAX hat geschrieben:... und fehlerfrei
:mrgreen: ... hab mir extra Mühe gegeben ;)
Rolandus hat geschrieben:Gibt es überhaupt noch Hechte im Moossee?
Die Geschichte hier hab ich zwar als Anglerlatein aufgezogen (ohne "Beweise"), aber ich war wirklich da und es auch so erlebt. Als ich beim ersten Spot war (bei der Fischzucht unten), konnte ich um 10 Uhr durch den Baum und Busch hören, wie jemand "aus Glück" geflucht und gestöhnt hat. Ein zweites Boot kam in die Nähe und bestätigten den Eindruck, als wäre grad wirklich keine 30m rechts um die Ecke von "Spot #5" ein Hecht gefangen worden. Kurz vor Mittag war ich beim "Spot #2" und links von mir sah ich, wie grad einer um 55-60cm gefangen wurde. Sonst konnte ich nichts mehr sehen, was Hechte betraf. Auch als ich mit dem Boot unterwegs war, sah ich nichts, was auf Fischaktivitäten oder Fänge hingedeutet hätte.

Hier noch paar Bilder:

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und noch ein Screenshot aus einem kleinen 12s-Video:

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Da Google YouTube gekauft hat und mich zwingen wollte, Accounts bei Google anzulegen und den YouTube-Account damit zu verknüpfen, hatte ich keinen Bock drauf und kann seitdem nicht mehr bei YouTube einloggen und Videos uppen. Aber das Video wollt ihr eh nicht sehen, da man mir meine Erschöpfung anhört, dass der Drill 18-20min gedauert hat. Habe zwar nicht die Zeit genau angeschaut, aber ich wusste, dass ich um 18:03 losgeschleppt bin, um 18:43 auf dem Trockenen war und die komplette Auseinandersetzung rund die Hälfte der Zeit beansprucht haben dürfte.

Der 65er Pointer auf der Schwanzflosse wirkt schon lächerlich klein ;)
Gruss, Stefan
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