Überwindbare Hindernisse für Flussfische

Fragen und Antworten zum Thema: Der Fisch in seiner natürlichen Umgebung Verhalten, Habitat, Nahrung und Besatzmassnahmen/Bewirtschaftung.
Antworten
Benutzeravatar
Caras
Beiträge: 138
Registriert: Do 11. Jan 2007, 18:06
Meine Gewässer: Emme, Ilfis, Thunersee, Bielersee, Arnensee
Wohnort: Emmental
Has thanked: 5 times
Been thanked: 1 time
Switzerland

Überwindbare Hindernisse für Flussfische

Beitrag von Caras »

Wenn ich die zum Teil sehr hohen Bachtreppen in der Emme und Grünen sehe, dann frage ich mich oft, wie hohe Hindernisse die unterschiedlichen Fische ohne probleme überwinden können und wo die Maximalhöhe liegt.



Gibt es konkrete Hinweise dazu?
Tschou, Simu
----------------
Beim Praktiker funktioniert's, er weiss aber nicht warum.
Der Theoretiker weiss wie's geht, aber es funktioniert nicht.
Bei mir geht's nicht und ich weiss nicht warum!!!
salvenius

Beitrag von salvenius »

Sali Simu



Für die Überwindung eines Querbauwerks spielt die Konstruktion des Absturzes eine entscheidende Rolle. Vor allem dem Verhältnis zwischen der Höhe des Absturzes und der Tiefe des nachfolgenden Pools kommt eine wichtige Bedeutung zu: Nach Reiser et al. (1985) sollte der Pool nach dem Absturz mindestens 1.25-mal der Höhe des Hindernisses entsprechen. Der Grund für diese Annäherung ist das Vorhandensein einer stehenden Welle im Pool, welche aufgrund der Turbulenzen des abfallenden Wasserstrahls entsteht. Diese stehende Welle dient den Forellen als “Rampe“ um höher springen zu können. D.h., dass die Forellen bei der Überwindung eines Hindernisses nicht einfach so aus dem Wasser springen, sondern auf die stehende Welle zuschwimmen, welche sie dann aus dem Wasser katapultiert. Je seichter der Pool, desto weiter weg ist die stehende Welle. Dann springen die Forellen in den abfallenden Wasserstrahl hinein. Somit ist nicht die Höhe der Barriere entscheidend, sondern die Kombination mit der anschliessenden Pooltiefe: Eine 20cm hohe Schwelle ohne anschliessendem Pool kann ein grösseres Hindernis darstellen als eine 40cm hohe Schwelle mit anschliessendem Pool von 1m.



Damit man sich die Form einer stehenden Welle besser vorstellen kann: Die meisten von euch haben bestimmt schon in Pools unterhalb von Schwellen gefischt. Vielleicht ist euch schon aufgefallen, dass an bestimmten Stellen der Zapfen stehen bleibt, also weder flussabwärts schwimmt noch in den abstürzenden Wasserstrahl gezogen wird. Genau dort befindet sich die stehende Welle.



Des Weiteren gibt es noch eine Faustformel, mit welcher die potentielle (maximale) Sprunghöhe abgeschätzt werden kann (nach Gallagher, 1999):



(81*l*l)/(2*g), wobei l der Totallänge (in m) und g der Gravitationskonstante (9.81m/s2) entspricht.



Bei sehr grossen oder sehr kleinen Fischen stimmt diese Formel allerdings nicht. Eine Forelle von 1m würde nach dieser Formel eine Höhe von ca. 4m überspringen können.



Zurück zu deiner Frage bezüglich den verschiedenen Fischarten und dessen Sprungvermögen: Einzig Forellenarten können aktiv springen und eine Schwelle überwinden. Aus meiner Sicht liegt die obere Grenze bei grossen und schwimmstarken Forellen bei ca. 1m (es gibt keine Regel ohne Ausnahme :wink: ). Andere Fischarten (Äschen, Nasen, Elritzen, Rotaugen usw…) können nicht aktiv springen. Je nach Höhe einer Schwelle können sie aber bei Hochwasser durchschwimmen.

Ein Spezialfall bildet die Groppe: Bei kleinen Rundholzschwellen mit lockerem Substrat können sie sich unter dem Rundholz durch das Kies graben und so das Hindernis überwinden. Bei verfestigten Betonschwellen funktioniert dieser Wanderweg allerdings nicht.





Falls noch weitere Fragen sind…. nume hüüüü.



Quellen:

Reiser, D. W. et al. (1985). A technique for assessing upstream fish passage problems at small-scale hydropower developments, American Fisheries Society.

Gallagher, A. S. (1999). Barriers. Pages 135-147 in Bain, M. B. and N. J. Stevenson, eds. Aquatic habitat assessment: Common methods. American Fisheries Society, Bethesda, MD.
Rivermaster Fredu

Beitrag von Rivermaster Fredu »

:shock: Respekt!

Salvenius; die Kompetenz in Person :!:
Benutzeravatar
Uwe
Fischerforum Ehrenmitglied
Beiträge: 1420
Registriert: Mi 13. Sep 2006, 19:10
Meine Gewässer: Neuenburgersee /Bielersee - eigentlich überall
Wohnort: Erlach
Has thanked: 66 times
Been thanked: 12 times
Kontaktdaten:
Germany

Beitrag von Uwe »

mein lieber Schieber,

das nenn ich mal ne Auskunft. :up:



Salvenius,



merci für die suuuper Infos :!: :!: :!:
Gruss Uwe
Eine Seeforelle zu fangen ist wie ein wunderschöner Sonnenuntergang. Man kann es nicht beschreiben, man muss es erlebt haben.
Börni

Beitrag von Börni »

:shock: Da war es wohl jemandem Langweilig!? :wink:



Nein, nein... Ein wirklich super informativer Bericht!!!! :thx:
Benutzeravatar
Caras
Beiträge: 138
Registriert: Do 11. Jan 2007, 18:06
Meine Gewässer: Emme, Ilfis, Thunersee, Bielersee, Arnensee
Wohnort: Emmental
Has thanked: 5 times
Been thanked: 1 time
Switzerland

Beitrag von Caras »

Vielen Dank salvenius

Deine Infos werfen mich glatt um. So etwas habe ich mir gewünscht.



In der Emme hat es Treppen mit einer Höhe von über 2 m. Also höchstwahrscheinlich für Forellen unüberwindbar.



Kann / darf man dagegen etwas unternehmen (Veränderungsanträge stellen usw.)?

Mir scheint es sinnvoller, die Treppen überwindbar zu gestallten, dass die Forellen weiter oben ablaichen können, als dass man oben besetzt.



Wenn ich dazu komme, stelle ich bei Gelegenheit noch Bilder der Treppen ein.
Tschou, Simu
----------------
Beim Praktiker funktioniert's, er weiss aber nicht warum.
Der Theoretiker weiss wie's geht, aber es funktioniert nicht.
Bei mir geht's nicht und ich weiss nicht warum!!!
Börni

Beitrag von Börni »

Caras hat geschrieben:Kann / darf man dagegen etwas unternehmen (Veränderungsanträge stellen usw.)?

Mir scheint es sinnvoller, die Treppen überwindbar zu gestallten, dass die Forellen weiter oben ablaichen können, als dass man oben besetzt.


Am besten stellst du deine Idee dem ansässigen Fischereiverein vor. Die sind siicher Willens, deine Idee anzuhören und dann eventuell zu verwirklichen, wenn es denn möglich ist. Denn sie sind auch in der Position, etwas zu sagen. Bei den Behörden beisst du wahrscheinlich auf Granit, denn die werden dir blos sagen, es sei zu teur. Daher würde ein solches Unternehmen wohl auch privat finanziert werden.



Aber auf jeden Fall viel Glück und ERfolg!!!!
Reverend

Beitrag von Reverend »

Da habe ich mal wieder was gelernt!

Respekt, salvenius!
salvenius

Beitrag von salvenius »

Über einen ortsansässigen Fischereiverein und schlussendlich über die Pachtvereinigung Emmental könntest du eventuell Gehör erhalten.



Vermutlich sind alle problematischen Schwellen bereits bekannt und erfasst (beim Fischereiinspektorat). Das einzige das fehlt ist Geld, um solche Revitalisierungsmassnahmen umzusetzen. Zwischen Schüpbach und Emmenmatt wurden bereits grosse Blocksteinrampen gebaut... weitere Massnahmen werden bestimmt folgen.



Gruuuz
Antworten

Zurück zu „Fischbiologie“