Seesaibling Thunersee Part II

Fragen und Antworten zum Thema: Der Fisch in seiner natürlichen Umgebung Verhalten, Habitat, Nahrung und Besatzmassnahmen/Bewirtschaftung.
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helix
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Seesaibling Thunersee Part II

Beitrag von helix » Sa 8. Okt 2011, 16:59

Seesaibling Thunersee Part II


Hallo zusammen!

Fast schon ein Jahr ist es her, als wir uns hier viewtopic.php?f=30&t=11918 ausführlich über den Seesaibling im Thunersee unterhalten haben. Mittlerweile hat diese hochinteressante Art sogar einen neuen wissenschaftlichen Namen bekommen und heisst heute neu Salvelinus umbla. Früher nannte man die Saiblinge im Thunersee übrigens "Ämmel" und im Brienzersee "Hamel". Andernorts waren es gemäss älterer Fischereiliteratur "Ritter", "Rotförne", "Bissling" etc.

Auch wenn ich erst im letzten Monat gezielt auf die Saible fischte und diese im Thunersee richtigerweise bereits geschont sind, konnte ich doch einige News zu diesem spannenden Thema erhalten. Ganz besonders aufgefallen sind mir die unterschiedlichen Formen und Farben der Fische, nicht nur punkto "Fleisch". Ich möchte die Berufsfischerei nun ausblenden, obwohl es auch hierzu einiges zu berichten gäbe...

Während der Sefosaison konnte ich heuer lediglich 3-4 Saiblinge als Beifang in ganz unterschiedlichen Tiefen fangen. Im Magen einer grösseren Sefo fand ich allerdings einen etwa 35cm langen Seesaibel.

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Beim Felchenfischen im Sommer konnten einige Saiblinge auf lediglich ca. 8-12 Metern Tiefe gefangen werden (waren voller Plankton), während diejenigen, die gezielt auf Saiblinge fischten, diese zur selben Zeit in 60 Metern Tiefe auf Blechlöffel fingen. Saiblinge nutzen also gleichzeitig ganz unterschiedliche Nahrungsnischen.

Gemäss Auskunft eines Fischereiexperten, gibt es in der Schweiz keine andere Fischart, die aufgrund des Besatzes durch den Menschen in den letzten Jahrzehnten sowohl morphologisch (äusserliches Erscheinungsbild) wie auch genetisch mehr beeinflusst wurde. Speziellerweise können sich Saiblingsformen aus völlig fremden Gewässern sehr gut auch in neuen Gewässern anpassen und fortpflanzen. Das führte dazu dass durch die Besatzpolitik und evtl. auch illegale Besätze fast in allen grossen Seen der Schweiz mehrere Seesaiblingsformen vorkommen, die z.T. die selben, z.T. aber auch völlig andere Nahrungsnischen bevorzugen. Offenbar können diese einige Jahrzehnte (oder auch länger) lang nebeneinander leben und pflanzen sich evtl. sogar untereinander fort.

Im Unterschied zu früher dürfen heute in den grösseren Seen (Ausnahme Bergseen) ausschliesslich mit Saiblingen des jeweiligen Sees besetzt werden.

Die Saiblingsfänge im September waren bei mir heuer gut und es gab, wenn auch selten, wieder grössere Exemplare. Bei einigen grösseren Saiblingen fiel mir sofort die unterschiedliche Gestalt und vor allem die unglaubliche Kondition (siehe Bild unten) auf. Die Fische waren enorm fett und das Fleisch sehr weich und vom Geschmack fast "ungeniessbar" tranig. Das sind also ganz klar andere Saiblingsformen. Auch gab es neben der "normalen" Thunerseesaiblingsform einige kleine, magere, kontrastreich und sehr dunkle gefärbte Exemplare, deren Rogen/Samen schon sehr viel weiter entwickelt waren. Sie sahen für mich fast aus, wie sie aus sehr grosser Tiefe fürs Laichen aufgestiegen wären.

Bild

Zwar optisch ein schöner Fisch, aber kulinarisch eher minderwertig. Neuenburgersaibel im Thunersee? Ist diese Saiblingsform wünschenswert im Thunersee? Was denkt ihr?

So das reicht erstmals mit Infos. Für mich ist der Saibling eine enorm interessante Art und es wird äusserst spannend sein, ihre Entwicklung im Thunersee in den nächsten Jahren zu verfolgen!
Zuletzt geändert von helix am Mo 10. Okt 2011, 09:00, insgesamt 1-mal geändert.
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Gruess helix

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gonefishing
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Re: Seesaibling Thunersee Part II

Beitrag von gonefishing » So 9. Okt 2011, 13:01

Im 2.Halbjahr dieses Jahr habe ich gar nicht gefischt, aber Mai / Juni habe ich einige Saiblinge gefangen. Die waren zwar wie fast alle Fische dieses Jahr durch das warme Frühjahr gut im Futter (d.h. bei Thunerseesaiblingen nicht dürr...), aber geschmacklich einwandfrei.
Habe keinen Bedarf nach ungeniessbaren Fischen, hoffe die machen sich nicht breit...
Gruss, Mattu

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Re: Seesaibling Thunersee Part II

Beitrag von berufsfischer » So 9. Okt 2011, 20:23

helix hat geschrieben:Gemäss Auskunft eines Fischereiexperten, gibt es in der Schweiz keine andere Art, die aufgrund des Besatzes durch den Menschen in den letzten Jahrzehnten sowohl morphologisch (äusserliches Erscheinungsbild) wie auch genetisch beeinlusst wurde.
bist du sicher dass du den experten da richtig verstanden hast? worauf bezieht/beschränkt sich denn das wort "art"? oder fehlt da ein wort?

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Re: Seesaibling Thunersee Part II

Beitrag von Loup » So 9. Okt 2011, 23:11

helix, besten Dank für deinen Bericht. Deine Beschreibung passt genau zu den Neuenburgersaiblingen welche ich gefangen habe. Wie ich im FF schon früher geschrieben habe ist das Fleisch matschig und tranig. Die Grösse im Neuenburgersee kann bis weit über 60 cm, ja sogar in die 70 cm gehen. Ich habe aufgehört auf diesen Fisch zu angeln, denn das Essen macht keinen spass. Sollte ich beim Sefoschleppen wieder Kontakt mit diesem Saibling haben werde ich ihn nicht mitnehmen.
Wer weiss mehr über diese Saiblingsart. Gibt es im Neuenburger überhaut Saiblinge die diese Eigenschaften nicht aufweisen.
Hoffe im Thuner wird sich dieser Stamm nicht zu sehr verbreiten.
Gruss vom Murtensee
Loup

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Re: Seesaibling Thunersee Part II

Beitrag von helix » Mo 10. Okt 2011, 08:58

@berufsfischer, habe den Satz korrigiert, danke für den Hinweis.

Loup und Mattu, ich gehe mit euch einig und wäre ebenfalls froh, wenn sich diese Saiblingsform nicht allzu sehr verbreiten würde. Das ist jedoch m.E. gar nicht so eine einfache Frage, schlussendlich geht es ja nicht nur darum, dass uns die Fische schmecken sollen. Für mich wäre es aber auch aus biologischer Sicht besser, wenn sich die ursprüngliche und perfekt adaptierte Thunerseesaiblingsform weiterhin behaupten und anzahlmässig am meisten vorkommen würde. Davon gehe ich eigentlich auch aus. Bis jetzt denke ich, dass diese drei Exemplare, die übrigens nach einigen Stunden im Kühlschrank eine schleimige, schnudrige Schicht (fast wie beim Hecht) bekommen, eher Zufall waren. Allerdings glaube ich, dass dieser Stamm nicht neu im Thunersee ist, ich bin mir eigentlich sicher, dass es sich hierbei um die umgangssprachlich genannten "Schnudernasensaiblinge", die ab und wann auch beim Laichfischfang ins Netz gehen, handelt.
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Re: Seesaibling Thunersee Part II

Beitrag von berufsfischer » Mo 10. Okt 2011, 12:14

helix hat geschrieben:@berufsfischer, habe den Satz korrigiert, danke für den Hinweis.
jetzt ist es klar verständlich, danke.

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Re: Seesaibling Thunersee Part II

Beitrag von Würmlibader » Mo 2. Jul 2012, 16:25

ich weiss, der beitrag ist schon nichtmal mehr von gestern.

allerdings sehen diese fetten saiblinge für mich fast ein bisschen wie ausgewilderte zuchtfische aus.
Ich mag mich entsinnen, dass ich bei den ersten fischereiversuchen meiner freundin im sigriswiler forellenteich (grabenmühle) auch schon ziemlich fette saiblinge erwischt hatte, welche nach ein paar stunden eine echt mühsame schleimschicht entwickelten.
wäre es in der theorie möglich, dass die mal dort, resp in einer andern zucht am thunersee gelebt haben und evtl bei einem hochwasser runtergespült wurden?

p.s: diese saiblinge sind, mit den richtigen thunerseesaibeln verglichen, tatsächlich fast ungeniessbar
Regel 1: nicht fischen zu gehen, ist immer die FALSCHE Entscheidung...!

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Re: Seesaibling Thunersee Part II

Beitrag von helix » Mo 2. Jul 2012, 17:35

Moin, es ist zwar durchaus möglich, das aus der Grabenmühle Fische runter gespühlt werden, jedoch eher Rebofos und Bafos. In der Grabenmühle haben sie Bachsaiblinge (S. fontinalis) und keine Seesaibel. Ausserdem würde man auch bei einem ausgewilderten Zuchtfisch noch Spuren erkennen, z.B. die Flossen werden nie mehr gleich spitzig und gesund geformt wie bei einem Wildfisch. Dieser fette Saibling war ganz bestimmt keiner aus der Grabenmühle. Allerdings ist es mE nicht ganz auszuschliessen, dass von anderswo her ab und wann einzelne Seesaibel-Massfische auch in den Thunersee gelangen könnten. Ein buntes Durcheinander an verschiedenen Saiblingsformen gibt es sowieso fast in jedem grösseren Alpenrandsee. Habe übrigens heuer noch von keinem so fetten Saiblingsfang aus dem Thunersee gehört und selbst nur einige wenige "normale" Saiblingsbeifänge beim Sefofischen erwischt.
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Re: Seesaibling Thunersee Part II

Beitrag von U96 » Di 3. Jul 2012, 12:05

Hier noch ein Pic von (zumindest) optisch unterschiedlichen Seesaiblingen. (Bodensee)

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Gruss vom Zürichsee
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Re: Seesaibling Thunersee Part II

Beitrag von helix » Di 3. Jul 2012, 18:03

Sehr eindrückliches Pic mit wunderschönen Saiblingen, dafür beneide ich auch am Bodensee etwas.

Allerdings würde ich nur aufgrund des Pics auf eher geschlechtsspezifische Unterschiede tippen. Saiblinge haben einen teils ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus, welcher v.a bei der Laichzeit (aber nicht nur) stark zur Geltung kommt (oben Rogner, unten Milchner). Die Punktierung jedenfalls und die Form stimmen ziemlich überein.
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Gruess helix

forellenfreak

Re: Seesaibling Thunersee Part II

Beitrag von forellenfreak » Mo 9. Jul 2012, 22:48

Wahnsinns Bericht nicht mehr zu toppen :v: Einfach toll :wink:

u96 sehr schöne Saiblinge vom Bodensee :wink:

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